Dr. Julius Wahle
Leben und Werk im Dienst an der Weimarer Klassik
Dr. Julius Wahle (1861 - 1940)
Als erstes von 7 Kindern des Handelsagenten Jacob Wahle (1825-1883) und dessen Ehefrau Barbara, geb. Schenk (1830-1911) wurde Julius Wahle am 15.02.1862 in Wien geboren. Gemäß der Tradition des österreichischen Judentums bemühten sich die Familien mosaischen Glaubens darum, Bildung zu erwerben und mindestens eines ihrer Mitglieder studieren zu lassen. Das traf auch auf Julius Wahle zu. Er besuchte zunächst das renommierte K. und K. Schottengymnasium in Wien, ehe er die Universität seiner Geburtsstadt bezog und bei namhaften Wissenschaftlern wie dem Prof. Dr. Erich Schmidt oder Jacob Minor u.a. klassische und deutsche Philologie, Literaturgeschichte, Anglistik und Philosophie studierte. Nebenher belegte er noch die Fächer Kontrapunkt und Harmonielehre bei Anton Bruckner.
23.05.1885 Julius Wahle promovierte zum Dr. phil. mit dem Thema "Sprickmanns Eulalia und das literarische Nachleben der Emilia Galotti".
- 1886
- Sein Mentor Schmidt nahm ihn mit nach Weimar. Der Gelehrte Julius Wahle lebte dort bescheiden und blieb unverheiratet.
- 1886-1894
- Wahle arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Goethe- Archiv (ab 1889 Goethe- und Schiller- Archiv).
- 1887
- Wahle wurde Nachfolger von Prof. Seufferts als Generalkorrektor der Weimarer Goethe- Ausagabe.
- 1891
- Mitglied der Shakespeare- Gesellschaft in Weimar
- 1892
- Mitglied in dem "Allgemeinen Richard- Wagner- Verein"
- 28.06.1896
- Großherzogin Sophie von Sachsen- Weimar- Eisenach verlieh ihm den Titel Archivar.
- 1896-1928
- Arbeit als Archivar im Goethe- und Schiller- Archiv
- 1896-1899
- Schriftführer im "Allgemeinen Richard- Wagner- Verein"
- 1903
- Ritterkreuz Zweiter Klasse
- 10.06.1908
- Ehrung mit der Verleihung des Professoren- Titels durch Großherzog Wilhelm- Ernst von Sachsen- Weimar- Eisenach
- 1911
- Wahle erhielt die "Goldene Goethe Medaille"
- 1912
- An seinem 60.Geburtstag ehrte man ihn mit der Festschrift "Funde und Forschungen"
- 1920-1928
- Wahle wurde mit der Führung der Direktorialgeschäfte des Goethe -und Schiller- Archives betraut
- 1921-1928
- Er amtierte zusätzlich als Bibliothekar der Goethe- Gesellschaft
- 1922
- Die Goethe- Gesellschaft dankte Julius Wahle an seinem 70.Geburtstag mit Blumen, einem Aquarell und einer Ehrenmitgliedschaft in ihrer Vereinigung
- 1928
- Aufgrund einer umfangreichen Neuordnung der personellen Besetzung im Goethe- und Schiller- Archiv wurde Julius Wahle durch Hans Wahl ersetzt. Zu diesem Zeitpunkt war Wahle zwei Jahre über die eigentliche Altersgrenze hinaus tätig. Insgesamt widmete er 40 Jahre seines Lebens dem Erbe der Weimarer Klassik
- 1932
- Umzug zu seiner Nichte Elsa Hirschel (geb.Glauber) nach Dresden. Wahle wohnte in ihrer Villa in der Wiener Straße 85, einem späteren "Judenhaus". Julius Wahle trat der jüdischen Gemeinde zu Dresden bei.
- 11.07.1933
- Offizielles Ausscheiden aus der Goethe- Gesellschaft, Wahle wurde stilles Mitglied. Später kündigte er unter Druck der Nationalsozialisten diese Mitgliedschaft selbst.
- 1937
- Vortrag im überfüllten Heinrich-Arnold-Saal bei der Jüdischen Gemeinde über den jungen Goethe. Der Hofschauspieler Siegfried Lewinsky rezitierte dazu Texte.
- 07.11.1940
- Tod in Dresden und Beisetzung auf dem Neuen Israelitischen friedhof in der Fiedlerstraße
Titelblatt der Festschrift "Funde und Forschungen", die das Goethe- und Schiller-Archiv zu Ehren des 60.Geburtstages von Julius Wahle herausgab.
Schreiben von Julius Wahle an den Direktor des Goethe- und Schiller Archives aus dem Jahr 1893, in dem er um veränderte Dienstzeiten bat.
Im Oktober 1939 erkundigte sich die Reichsstelle für Sippenforschung nach Julius Wahle. Dieses Schreiben war sowohl an den Direktor des Goethe- und Schiller- Archives als auch an den Weimarer Oberbürgermeister gesandt worden.
Das Grab von Dr. Julius Wahle auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden.
Julius Wahle, 1913 im Kreise seiner Kollegen im Goethe- und Schiller- Archiv v.l.n.r.: Max Hecker, Hans Wahl, Hans Gerhard Gräf, Julius Wahle (Foto: Stiftung Weimarer Klassik)
Wann sich der gläubige Jude Julius Wahle entschlossen hat, seinen Wohnsitz nach Dresden in das Anwesen seiner Nichte Elsa Glauber zu verlegen und sich der Dresdner Jüdischen Gemeinde anzuschließen, kann nicht genau bestimmt werden.
Solange es für Juden noch möglich war, nahm Julius Wahle auch in Dresden lebhaften Anteil an Wissenschaft, Kultur und Kunst und stellte sein umfassendes Wissen über die Weimarer Klassik uneigennützig zur Verfügung. In der jüdischen Gemeinde trat er im Rahmen des neugegründeten Jüdischen Lehrhauses auf. Von seiner offensichtlich als Zyklus geplanten Reihe hat Wahle nur zwei Teile am 14.Januar und am 03.Februar 1937 gehalten. Drohende oder bereits wirksame Repressalien haben verhindert, dass jene Tätigkeit ihre Fortsetzung fand. "Wahle ist ein alter Mann und offenbar weich und wenig den modernen Geschäftsdingen gewachsen", hatte Victor Klemperer bereits 1924 über ihn geurteilt. Gewiß gehörte Wahle zu den Stillen im Lande, auf deren Lauterkeit die moralische Welt ruht.
(auszugsweise Widergabe aus "Julius Wahle - Leben und Werk im Dienst an der Weimaer Klassik" - eine Recherche von Dr. Sigrid Schulz-Beer)
"…Herr Prof. Wahle, der frühere Weimarer Leiter des Goethe- Archivs (jetzt in Dresden wohnend), behandelte am ersten seiner Goethe- Abende des "Jungen Goethe", woran sich die Rezitationen Goethe'scher Gedichte durch Siegfried Lewinsky anschlossen…
Diese Vorlesung enthielt einen überreichen Inhalt, den der große Goethe-Forscher in eine bis ins Letzte durchgearbeitete, kunstvoll zsammengedrängte Form gebracht hatte. Aus seiner tiefen Kenntnis des Goethe'schen Schaffens, insbesondere auch der Tagebücher und Briefe , konnte Prof. Wahle alle Entwicklungsstadien dieser titanischen Jugend vor seinem (den Heinrich- Arnold- Saal überfüllenden) Hörerkreis verlebendigen, oft mit Goethes eigenen Worten, so, wenn er z.B. Goethes innere Überfülle schildern will. Herrliche Worte Goethes der Selbsterziehung zur großen Menschlichkeit , Anschluss an die Weisen, göttlich Wilden' schlossen den Abend."
Eva Büttner (Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgeminde Dresden Nr.6, 15. März 1937)
Titelblatt der 1924 erschienenen Ausgabe der Gedichte Goethes an Frau von Stein, ebenfalls mit Faksimile und einem Nachwort von Julius Wahle
Titelblatt der ersten vom Goethe- und Schiller- Archiv herausgegebenen Gedichtsammlung als Faksimile- Druck, 1908 herausgegeben von Bernhard Suphan und Julius Wahle